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Vom langsamen Lesen

Die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre, die zunehmende Verwendung sog. künstlicher Intelligenz, die hohe Geschwindigkeit technischer Veränderungen und nicht zuletzt eine gewisse allgemeine Unruhe im Alltag führen bei mir zunehmend zu einem eher einfachen Gegenentwurf: dem langsamen Lesen.

Gemeint ist damit ausdrücklich das Lesen auf Papier.

Das ist insofern bemerkenswert, als ich mich keineswegs als technikfern bezeichnen würde. Im Internet bewege ich mich seit 1998, Linux begleitet mich seit Jahrzehnten, und technische Entwicklungen beschäftigen mich sowohl privat als auch beruflich; nicht zuletzt aufgrund meiner Tätigkeit im IT-Recht und Datenschutzrecht.

Gerade deshalb fällt mir auf, wie selbstverständlich sich das Lesen in den vergangenen Jahren auf Bildschirme verlagert hat. Nachrichten, Fachtexte, Entscheidungen, E-Mails, Dokumentationen und vieles andere werden schnell erfasst, überflogen, eingeordnet und ebenso schnell durch den nächsten Inhalt ersetzt. Das ist häufig notwendig und praktisch. Besonders erholsam ist es allerdings nicht immer.

In letzter Zeit greife ich daher wieder häufiger bewusst zu einem gedruckten Buch. Nicht, weil Papier dem Digitalen grundsätzlich überlegen wäre. Auch nicht aus einer nostalgischen Ablehnung technischer Entwicklung. Vielmehr scheint mir das Lesen eines Buches eine Form der Begrenzung zu bieten, die im digitalen Alltag zunehmend selten geworden ist.

Eine Seite enthält nur das, was auf ihr gedruckt wurde. Es gibt keine eingehenden Nachrichten, keine weiteren geöffneten Tabs und keinen Hinweis darauf, was man ebenfalls noch lesen könnte. Man kann sitzen, lesen und bei einer Sache bleiben.

Dabei spielen auch ganz banale Sinneseindrücke eine Rolle: mit dem Finger über die Papierseiten zu streichen, frisch bedrucktes Papier zu riechen, das Gewicht eines Buches in der Hand zu spüren und zu sehen, wie sich der gelesene Teil langsam von der rechten auf die linke Seite verlagert.

Das alles ist weder besonders effizient noch innovativ.

Vielleicht liegt gerade darin ein Teil seines Reizes.

In einer Zeit, in der vieles schneller, unmittelbarer und zugleich unübersichtlicher geworden ist, empfinde ich das bewusste langsame Lesen zunehmend als erdend und entschleunigend. Es verlangt keine besondere Methode und verfolgt keinen produktiven Zweck. Es genügt, ein Buch aufzuschlagen und eine Seite nach der anderen zu lesen.

Etwas, das ich über einige Jahre hinweg immer weniger getan habe und das mir gerade deshalb inzwischen wieder erstaunlich zufriedenstellend erscheint.


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